Erschienen in gekürzter Form in Reader’s Digest, Verlag Das Beste, Stuttgart

Das Geheimnis der Aale

Über einen Fisch, der so bekannt ist wie rätselhaft. Und über einen Forscher, der sein ganzes Berufsleben lang versucht hat, diesem Fisch auf die Schliche zu kommen.

Von Sebastian Bröder

Glitschig ist er und glatt und deshalb vielen Menschen unheimlich. Jedenfalls, wenn er lebt. Geräuchert hingegen finden ihn viele unwiderstehlich. Die Rede ist vom Europäischen Aal: Wir kennen ihn gut, seine Schlangenform macht ihn unverwechselbar. Und doch kennen wir ihn kaum, denn trotz jahrtausendelanger Forschung gibt er selbst Experten noch immer Rätsel auf. Seit der Antike zerbricht man sich den Kopf über die Lebensweise der Aale – vor allem ihre Vermehrung liegt größtenteils im Dunkeln. Aristoteles glaubte, dass sie von Würmern im Schlamm geboren würden. Dr. Friedrich-Wilhelm Tesch, einer der angesehensten Aalforscher der Welt, weiß es besser: „Der Aal laicht nur einmal in seinem Leben, und zwar in der Sargassosee“, sagt er. Diese Aussage klingt kaum weniger abenteuerlich als die von Aristoteles, denn die Sargassosee liegt über 6000 Kilometer entfernt von der deutschen Küste: am Rande des berüchtigten Bermuda-Dreiecks im Westatlantik …

Der Fischereibiologe Tesch weiß, wovon er spricht: Während des größten Teils seines Berufslebens hat er die Aale erforscht. Er stattete sie mit Ultraschallsendern aus, um ihre Wanderrouten zu verfolgen, leitete Expeditionen in die Sargassosee, verbrachte viel Zeit in Labors und vor Aquarien. „Angefangen hat alles 1965, als ich den Auftrag bekam, ein Buch über den Aal zu schreiben“, sagt er. Sieben Jahre sammelte Tesch Material, sprach mit Wissenschaftlern, wurde vom mysteriösen Leben des Aals immer mehr in den Bann gezogen.

Allein die Geschichte um die Entdeckung des Laichgebietes fasziniert ihn bis heute: Bereits im Mittelalter war ein kleiner Fisch bekannt, dessen schmaler, hochrückiger Körper einem Weidenblatt ähnelte. Man traf ihn oft in der Straße von Messina im Mittelmeer an. Mit diesem Weidenblattfisch experimentierten Ende des 19. Jahrhunderts zwei italienische Gelehrte. Sie hielten einige Exemplare in Aquarien und trauten ihren Augen kaum, als die „Weidenblätter“ sich innerhalb weniger Tage in „Schlangen“ verwandelten. Diese durchsichtigen, schlangenförmigen Fische kannten die Forscher: Es handelte sich um sogenannte Glasaale, die Larven des Europäischen Aals. Die Weidenblätter aus dem Mittelmeer waren also keine eigene Art, sondern eine Entwicklungsstufe des Aals. Man folgerte daher, dass sich der Aal irgendwo in den Tiefen des Mittelmeers fortpflanzt. Dann jedoch entdeckte der Däne Johannes Schmidt 1904 einen der Weidenblattfische im Atlantik. Als im selben Jahr auch die Besatzung eines irischen Forschungsschiffs ein Exemplar im Atlantik fing, glaubte Schmidt nicht mehr an Irrläufer und begann, intensiv zu forschen. Systematisch suchte er nach immer jüngeren Larven, die ihm den Weg an ihren Geburtsort weisen sollten. Je weiter er dabei nach Westen kam, desto kleiner wurden die Larven. Fast 20 Jahre dauerte die zoologische Fahndung im Atlantik, bis Schmidt endlich im Jahre 1922 südlich der Bermuda-Inseln wenige Millimeter lange, frisch geschlüpfte Larven erbeutete. Der Ursprung des Aals war gefunden.

Als Friedrich-Wilhelm Tesch 1979 seine erste Expedition in die Sargassosee leitete, konnte er Schmidts Entdeckung bestätigen. 3000 winzige Larven gingen ihm ins Netz, teilweise verfügten sie sogar noch über ihren Dottersack. Kein Zweifel: Geburtsstätte und Wohnort liegen beim Aal über 6000 Kilometer auseinander. „Eine ungeheure Distanz“, sagt Tesch und fügt begeistert an: „Führen Sie sich mal vor Augen, was das für so winzige Lebewesen bedeutet!“ In der Tat eine stramme Leistung: Die Larven schwimmen quer durch den Atlantik, verwandeln sich vor den europäischen Küsten von Weidenblättern in Glasaale, ziehen dann in gigantischen Schwärmen die Flüsse hinauf, um sich schließlich in den Binnengewässern niederzulassen.

„Die Wanderung der Larven dauert höchstwahrscheinlich zweieinhalb Jahre“, schätzt Tesch. „Aber gesichert ist das noch nicht.“ Ein weiteres Rätsel: Die winzigen Larven verfügen über ein geradezu Furcht einflößendes Gebiss mit weit aus dem Kopf herausragenden Zähnen. Wozu sie es brauchen? Niemand weiß es. Deshalb ist es bis heute nicht gelungen, eine Larve aufzuziehen, geschweige denn, einen Aal zu züchten. Das bedeutet: Jeder Aal, der in unseren Bächen, Flüssen und Seen lebt, oder den wir je gegessen haben, ist als Larve aus der Sargassosee hierher geschwommen.

In unseren Gewässern verbringen die Aale ihr bis zu 15-jähriges Leben. Dann verändern sie ihr Aussehen: Ihre Bäuche bekommen einen silbrigen Glanz, ihre Augen vergrößern sich stark. Die Fische rüsten sich zur Rückreise. Wenn die innere Uhr ruft, gibt es wenig, das Aale aufhält: Aus geschlossenen Teichen schlängeln sie sich in Neumondnächten über feuchte Wiesen, bis sie einen kleinen Wassergraben oder – mit ein bisschen Glück – einen Fluss mit direkter Verbindung zum Meer erreichen. Möglicherweise hat Aristoteles genau dies beobachtet, als er annahm, die Aale würden im Schlamm geboren. Bis zu 20 Stunden halten sie es an Land aus – vorausgesetzt, ihre Haut bleibt feucht.

Zu diesem Zeitpunkt haben sie die letzte Mahlzeit ihres Lebens bereits hinter sich. Ihre Verdauungsorgane verkümmern; sie werden nicht mehr gebraucht. Proviant sind große Fettreserven, die sich die Aale angefressen haben. Sie reichen für die Wanderung und die Anstrengungen des Laichgeschäfts. Die Reisenden sind Todgeweihte, die nur noch eine letzte Aufgabe haben: sich fortzupflanzen. Sechs Monate dauert die Reise von den europäischen Küsten zurück zu ihrem Ursprung, dem Mega-Kreißsaal im Bermuda-Dreieck, wo jeder einzelne von ihnen geboren wurde.

Doch wie finden die Aale die Sargassosee wieder? „Die gängigste Hypothese lautet, dass sie über einen inneren Kompass verfügen, sich also am Erdmagnetismus orientieren“, erklärt Tesch. Einen wichtigen Beitrag zu dieser Annahme lieferten Teschs Verfolgungsexperimente. Erwachsene Aale versah der Wissenschaftler vor ihrer Wanderung mit kleinen Sendern und blieb auf ihrer Fährte, solang ihn das Signal erreichte. Im längsten Fall waren das sechs Tage. „Die Reichweite der Sender ist nicht besonders groß, und bei Nebengeräuschen zum Beispiel von Wellen verliert man das Signal sehr schnell“, sagt Tesch. Trotzdem stellte er fest, dass die Aale immer denselben Kurs nehmen: Zunächst schwimmen sie in nordwestliche Richtung, um die Britischen Inseln herum, drehen dann aber am Abhang der europäischen Kontinentalplatte nach West-Südwest ab. Das ist die exakte Richtung zur Sargassosee.

Dort halten sie Hochzeit unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Noch nie hat man die Fische beim Laichen beobachten können, noch nie hat man einen erwachsenen Aal in der Sargassosee gefangen. Tesch hat es versucht wie vor ihm kein zweiter: „Es gab bei unseren Fahrten rund um das Laichgebiet keinen Tag, an dem kein Netz geschleppt wurde.“ Bis in 2000 Metern Tiefe fischten die Wissenschaftler. Vergeblich. Dass Tesch und seine Mannschaft nebenbei mehr als 20 neue Fischarten entdeckten, tröstet den Forscher kaum. „Bei jedem Einholen waren wir gespannt bis zum Äußersten“, erinnert er sich. Doch der Traum des Wissenschaftlers ging nicht in Erfüllung: Kein einziger Aal war im Netz.

Besonders verwunderlich ist das nicht, denn das Suchgebiet ist riesig: Die Fläche der Sargassosee ist etwa zehnmal so groß wie die der Ostsee. Hinzu kommt die enorme Wassertiefe von über 5000 Metern. Hätte Tesch so gut riechen können wie seine Forschungsobjekte, wäre er erfolgreich gewesen. Denn eine Aalnase kann Duftstoffe noch in einer Verdünnung von 1:3 Trillionen wahrnehmen. „Vermutlich brauchen sie den guten Geruchssinn, um sich gegenseitig für das Laichgeschäft zu finden“, sagt Tesch.

Ein Aalforscher muss hart im Nehmen sein. Nicht nur, weil der Fisch sich hartnäckig sträubt, seine Geheimnisse preiszugeben. 1981 zum Beispiel saß Tesch mit seinem Forschungsschiff „Friedrich Heincke” auf dem Weg in die Sargassosee eine Woche auf der Kanareninsel La Palma fest. Die Ölkrise hatte dafür gesorgt, dass die Wissenschaftler den Treibstoff nicht bezahlen konnten, und Tesch musste auf eine Finanzspritze aus Deutschland warten. Zeit, die er lieber in der Sargassosee verbracht hätte. Als es dann endlich weiterging, spielte das Wetter nicht mit: Ein Tiefdruckgebiet sorgte für starken Gegenwind bei der Überquerung des Atlantiks. „Am Morgen des dritten Tages sagte der Kapitän zu mir, dass der Treibstoff nicht reichen würde, wenn das so weiter ginge.“ Er wollte schon umkehren, doch da ließ der Wind nach und die Besatzung erreichte ihr Ziel – die Insel Antigua – mit dem letzten Öltropfen und einem riesigen Segel, das sie gespannt hatte.

Von Teschs Fahrten erzählen sich Seeleute und Forscherkollegen noch heute. Eine der beliebtesten Anekdoten handelt davon, wie er die Verfolgung eines markierten Aals in der Nordsee selbst bei Windstärke acht bis neun nicht abbrechen wollte. Erst als Tesch bemerkte, dass der Aal aufgrund der Sturmflutströmung stark von seinem Weg abgedrängt wurde, beendete er die Fahrt. „Mein Herz liegt auf See“, sagt er. „Ich habe eine Kapitänsausbildung, und das war ein großer Vorteil für meine Forschungen. Als Nur-Wissenschaftler hätte ich mir solche Dinge gar nicht zugetraut.“

1989 hat sich Tesch zur Ruhe gesetzt. Doch bis heute bekommt er Einladungen zu Wissenschaftler-Treffen aus aller Welt. Erst kürzlich hielt er einen Vortrag in Taiwan auf der dritten Ost-Asiatischen Aal-Konferenz. Vielleicht hat ihn der frische Wind auf See jung gehalten, vielleicht auch seine zweite große Leidenschaft, das Musizieren. Er spielt Bratsche und Geige, ist Mitglied eines Streichquintetts in Kiel. Vielleicht ist es aber auch der innere Drang, die Geheimnisse der Aale zu lösen. Und da gibt es noch viel zu tun.