Erschienen in Reader’s Digest, Verlag Das Beste, Stuttgart

Die heimliche Krankheit

Fast jeder Mensch hat sie: eine gewisse Routine im Alltag. Aber was, wenn Waschen und Kontrollieren zur Sucht werden?

Von Sebastian Bröder

Der Gedanke kam über Nacht. Weihnachten 1991 war er plötzlich da. Martin* wusste nicht warum. Der Gedanke hatte sich einfach so in seinem Kopf eingenistet. Seitdem er am Morgen aufgewacht war, versetzte ihn dieser Gedanke in eine Unruhe, die er noch nie zuvor gespürt hatte. „Es ist verrückt“, dachte Martin. Trotzdem: Die Vorstellung, sein Auto könne nicht abgeschlossen sein, beschäftigte ihn den ganzen Tag. Als es dunkel war und ihn keiner sehen konnte, schlich er sich aus dem Haus und kontrollierte die Wagentüren. Sie waren verschlossen.

Von da an überprüfte Martin sein Auto jeden Tag. Mindestens fünfmal, meist über zehnmal. Es spielte keine Rolle, ob er weggefahren war oder nicht. Immer wieder beschlich ihn das Gefühl, etwas könnte nicht in Ordnung sein. Es nagte an ihm, rückte alles andere in den Hintergrund. Wenn er nun bei der letzten Kontrolle etwas übersehen hatte? War der Kofferraum wirklich abgeschlossen? Martin war sich nicht sicher, traute seiner eigenen Wahrnehmung nicht mehr, musste wieder nachsehen. So schlich er um sein Auto herum, rüttelte an den Türgriffen, schloss auf und wieder ab und auf und wieder ab und auf und wieder ab. Er sah nach Radio, Kofferraum und Scheinwerfern – erst vorn, dann hinten, dann noch einmal vorn. Weihnachten 1991 war Martin 21 Jahre alt. Damals gab es Tage, an denen er fürchtete, verrückt zu sein. Zumindest war er sicher, dass niemand seinen quälenden Drang verstehen würde – er verstand ihn ja selbst nicht.

Heute weiß Martin, dass er damals an einem Kontrollzwang litt und auch, dass er damit nicht allein war. Bei dem Kontrollzwang handelt es sich um eine Zwangsstörung. An diesen Störungen, die in unterschiedlicher Form auftreten können, leiden in Deutschland mindestens eine Million Menschen. Obwohl Zwänge damit zu den häufigsten seelischen Erkrankungen zählen, sprechen Experten von der „heimlichen Krankheit“. Denn viele Betroffene verbergen ihre Störung jahrelang. „Der Grund dafür dürfte sein, dass die Patienten ihre Zwänge als so abstrus, bizarr und unsinnig erleben, dass sie es aus Scham nicht wagen, anderen davon zu berichten“, sagt Professor Fritz Hohagen, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Lübeck. Die meisten Zwangskranken suchen erst dann professionelle Hilfe, wenn ihr Leben total beeinträchtigt ist.

So war es auch bei Martin: Bald war es nicht mehr nur das Auto, das ihn in Unruhe versetzte. Bei seiner Arbeit als Steuerfachgehilfe kontrollierte er viele Male, was er in den Computer eingegeben hatte; dann überprüfte er akribisch, ob die Büroklammern richtig saßen. Fünfmal, sechsmal, zehnmal. Wenn er abends als Letzter das Büro verließ, war es besonders schlimm: Sind alle Fenster und Türen geschlossen? Computer und Kopierer ausgeschaltet? Bis er erschöpft den Heimweg antrat, verging mindestens eine Stunde. „Irgendwann hat mein Chef gemerkt, dass ich vor lauter Kontrollieren nichts mehr zustande gebracht habe“, sagt Martin. Er wurde entlassen.

Wissenschaftler unterteilen die „heimliche Krankheit“ in Zwangsgedanken und Zwangshandlungen. „Über Zwangsgedanken hat der Patient keine Kontrolle. Sie lösen bei ihm Unruhe, Angst und Erregung aus“, so Hans Reinecker, Psychologie-Professor an der Universität Bamberg. Häufig ist die Vorstellung, Objekte wie Türklinken könnten verschmutzt sein, verbunden mit der Angst, sich daran mit einer Krankheit zu infizieren. Oft haben Zwangsgedanken auch aggressive Inhalte: Betroffene verspüren beispielsweise den Drang, laut in einer Kirche zu fluchen oder einen Menschen zu verletzen. Andere grübeln sehr lange über eigene Handlungen und deren Folgen, steigern sich zum Beispiel in die Idee hinein, jemanden mit dem Auto überfahren zu haben. Reinecker: „Die Person kann sich diese Gedanken zumeist nicht erklären, erlebt sie als sehr störend und sinnlos.“

Unter Zwangshandlungen versteht man Rituale, die in starrer, regelhafter Form immer wieder durchgeführt werden. Am häufigsten sind stundenlanges Händewaschen oder Duschen nach einem immer wiederkehrenden Schema und – wie bei Martin – exzessive Kontrollen, zum Beispiel von Türen, Fenstern, Geräten. Andere Zwangshandlungen können sein, Gegenstände immer wieder neu zu ordnen oder bestimmte Tätigkeiten ständig zu wiederholen. Auch die sogenannten Sammelzwänge fallen in diese Kategorie: Die Betroffenen können sich nicht von Dingen trennen – auch wenn diese wertlos sind. Manchmal horten sie sogar Abfälle in ihrer Wohnung. „In vielen Fällen dienen die Rituale dazu, die aufdringlichen Zwangsgedanken zu kontrollieren“, sagt Hans Reinecker. Daher treten Zwangsgedanken und -handlungen meist gemeinsam auf.

So war es auch bei Dagmar*: Schon der flüchtige Gedanke an Krankheit oder Tod versetzte sie in Unruhe – sie war sich sicher, durch die Gedanken einen anderen Menschen ins Unglück zu stürzen. Also entwickelte sie ein Ritual, das Wissenschaftler „Wiederholungszwang“ nennen: Jede Handlung, bei der sie „schlechte“ Gedanken hatte, wiederholte sie so lange, bis es ihr gelang, sie mit „reinen“ Gedanken auszuführen. „Wenn ich zum Beispiel an Krankheit gedacht habe, während ich eine Treppe hinaufging, musste ich sie noch einmal hochgehen – allerdings mit einem schönen oder gar keinem Gedanken im Kopf.“ So kam es, dass Dagmar die Treppe immer wieder hoch und runter ging, bis es ihr schließlich gelungen war, die Gedanken zu überlisten. „Oft habe ich mir gedacht, dass das Unsinn ist. Aber in der konkreten Situation war ich fest überzeugt, am Tod eines Menschen schuldig zu sein, wenn ich es nicht schaffe, die Treppe mit neutralen Gedanken zu betreten“, sagt sie. Ähnlich war es auch bei anderen alltäglichen Handlungen: Viele Male ging sie immer wieder über Türschwellen oder wischte wiederholt Tische und Fensterbänke ab – nicht aus übertriebener Reinlichkeit, sondern um die Tätigkeit mit „reinen“ Gedanken abschließen zu können.

Zwangsstörungen sind mehr als eine Marotte. Die meisten Menschen kennen die eine oder andere Form von zwanghaftem Verhalten aus eigener Erfahrung: Sie vermeiden, auf Fugen zu treten, kontrollieren den Herd, bevor sie ihre Wohnung verlassen, müssen immer wieder einen „Ohrwurm“ summen. Auch absurde, schreckliche oder aufdringliche Gedanken kommen bei 90 Prozent aller Menschen von Zeit zu Zeit vor. „Das ist ganz normal und in den meisten Fällen nicht krankhaft“, sagt Professor Hohagen. Wo also liegen die Unterschiede zwischen diesen gelegentlich auftretenden Zwängen und einer psychischen Erkrankung? Fritz Hohagen: „Zwangsstörungen verursachen ein erhebliches subjektives Leid, sind zeitraubend und beeinträchtigen den normalen Tagesablauf, die beruflichen Leistungen und soziale Aktivitäten oder Beziehungen.“ Auch Dagmar verlor ihren Arbeitsplatz. Sie ging kaum noch aus, konnte keine Freundschaften pflegen – die Zwänge ließen keinen Raum. „Sie nehmen einen total ein, man kann nichts anderes mehr machen“, sagt Dagmar. „Was von außen betrachtet vielleicht wie Nichtstun aussieht, ist in Wirklichkeit Schwerstarbeit. Wenn ich die Energie, die ich für die Zwänge verbraucht habe, in meine Karriere gesteckt hätte, wäre ich jetzt wahrscheinlich Top-Managerin.“

Im Gegensatz zu Martin kann Dagmar nicht genau sagen, wann ihre Zwänge angefangen haben. „Bei mir ging das schleichend, es wurde langsam schlimmer“, sagt die 31-Jährige. Aus vielen Studien geht hervor, dass Zwangsstörungen durchschnittlich mit 23 Jahren beginnen. „Rund 95 Prozent aller Zwänge entstehen vor dem 40. Lebensjahr, und ein Beginn nach dem 50. Lebensjahr wird so gut wie nie beobachtet“, so Professor Reinecker.

Typisch ist es, dass die Zwangshandlungen im Verlauf der Erkrankung immer mehr Zeit in Anspruch nehmen. „Es ist wie eine Sucht“, sagt Dagmar. Immer häufiger musste sie ihre Rituale durchführen, um die kurzfristige Erleichterung zu spüren, immer mehr Energie aufbringen. Bald war es unmöglich, die Zwänge vor den Eltern zu verbergen. „Angehörige werden oft in einer unglaublichen Weise involviert in die Zwänge“, sagt Professor Hohagen. „Wir haben Patienten, die von ihrer Familie verlangen, sich komplett umzuziehen, wenn sie die Wohnung betreten, oder die jeden Tag den Schulranzen ihrer Kinder auswaschen.“

Rita* hat eine 9-jährige Tochter und leidet an Reinigungszwängen. „Immer wenn ich Besuch habe, merke ich mir die Stellen, die mein Gast in der Wohnung berührt: Türklinken, Stuhllehnen, Garderobenhaken. Sobald er gegangen ist, wische ich alles sorgfältig ab.“ Auch Einkäufe wie Konserven säubert sie gründlich, bevor sie sie in den Schrank räumt. „Ich fühle mich nicht mehr allein in meinen vier Wänden, wenn ich Besucher oder fremde Menschen nicht bis auf die letzte Spur aus der Wohnung gewischt habe.“ Ritas Tochter sah das natürlich, und eines Tages wollte auch sie die Türklinken putzen. „Da habe ich einen Schreck bekommen“, sagt Rita. Sie versuchte, das Putzritual vor ihrer Tochter zu verbergen. Doch dieser zusätzliche Druck und die Schuldgefühle machten alles nur noch schlimmer.

Rita litt schon immer unter Zwängen. Seit 1990 ihre Tochter geboren wurde, nahmen die Zwänge zu. „Zum Schluss war ich in einem tiefen Loch und wollte nicht mehr leben“, sagt sie. Doch dann wagte sie den Schritt: Sie ist jetzt seit zweieinhalb Jahren in Behandlung.

„Lange Zeit wusste man nicht, wie man Zwangsstörungen behandeln sollte“, sagt Professor Hohagen. „Doch mit Einführung der Verhaltenstherapie hatten wir plötzlich eine Methode, die sehr gute Ergebnisse zeigt: Sie kann die Zwangssymptome ganz deutlich reduzieren.“ Zentraler Bestandteil der Therapie ist die sogenannte „Konfrontationsbehandlung mit Reaktionsverhinderung“. Der Patient wird dabei mit einer den Zwang auslösenden Situation konfrontiert. Doch statt dem Zwang nachzugeben, soll der Patient seine Anspannung zulassen. „Dabei merkt er, dass die Angst irgendwann von allein wieder abnimmt – ohne dass er sein Ritual durchgeführt hat. Diese Übung wird häufig wiederholt, bis der Betroffene die Situation ohne bemerkenswerte Zwangsimpulse meistern kann. Und dann tritt allmählich ein ähnlicher Effekt ein wie bei einem Allergiker, der desensibilisiert wird: Angst und Anspannung werden von Mal zu Mal weniger.“

Gänzlich frei von ihren Zwängen sind Rita, Martin und Dagmar heute noch nicht. Aber alle drei haben ihre Krankheit im Griff. Die Rituale, die sie immer wieder ausführen mussten, sind stark zurückgegangen. Regelmäßig treffen sie sich auch in Selbsthilfegruppen. „Solche Gruppen helfen enorm“, sagt Professor Hohagen. „Sie ermutigen, beraten und geben Ansporn, sich behandeln zu lassen.“ Rita ist froh, dass sie mittlerweile sagen kann: „Es sind andere Dinge wichtiger. Zum Beispiel, dass meine Tochter fröhlich ist oder dass ich wieder mit ihr Schularbeiten machen kann.“ Martin und Dagmar haben den Schritt aus der Isolation geschafft: Sie pflegen Freundschaften, können ihre Freizeit wieder genießen. Nach einem jahrelangen Leidensweg haben sie gelernt: Es ist möglich, dem Zwang den Gehorsam zu verweigern.

*Name von der Redaktion geändert