Erschienen in Reader’s Digest, Verlag Das Beste, Stuttgart

Die kleinen Riesen

Ameisen führen Kriege in Vorgärten, bauen klimatisierte Hochhäuser, halten sich Nutzvieh und wiegen zusammen fast so viel wie die gesamte Menschheit.

Von Sebastian Bröder

Bert Hölldobler weiß noch genau, wie seine große Leidenschaft begann. Damals, im Frühsommer 1943, war er sieben und machte mit seinen Eltern einen Waldspaziergang in der Nähe von Würzburg. Neugierig drehte er einen Stein um. Und staunte. Aufgeschreckt huschten hunderte von Ameisen umher. Nach wenigen Minuten waren sie mitsamt ihren eingesponnenen Puppen im Erdboden verschwunden. Den jungen Bert faszinierte dieses Erlebnis. Er wollte wissen, wo die Ameisen geblieben waren, wie sie lebten. So begann er, die Insekten zu beobachten, zu bestimmen, zu zeichnen. Bis heute: Bert Hölldobler ist inzwischen 63, Biologieprofessor und einer der bedeutendsten Ameisenforscher der Welt.

„Ich hatte das Glück, die Leidenschaft, die mich im Kindesalter gepackt hat, nie aufgeben zu müssen“, sagt er. Leidenschaft? Für eine Kreatur, die nur ein bisschen mehr wiegt als nichts, Tannennadeln durch die Gegend schleppt und in unsere Küchen krabbelt? Ja. Denn schon auf den zweiten Blick kann man Unglaubliches entdecken. Sogar beim Gewicht: Obwohl eine Ameisenarbeiterin je nach Art nur zwischen einem und fünf Milligramm auf die Waage bringt, wiegen alle Ameisen der Erde zusammen etwa ebenso viel wie alle Menschen. 9500 Arten sind heute bekannt, wahrscheinlich, so schätzt Hölldobler, existieren mehrere Zehntausend. In Deutschland vermutet er zwischen 90 und 120 Arten. „Ameisen sind neben dem Menschen die vorherrschendsten Landorganismen überhaupt“, sagt er.

Die Ameisen sind so erfolgreich, weil sie miteinander kommunizieren – mithilfe ihres Geruchs- und ihres Geschmackssinns. Ihre Sprache ist ein Substanzgemisch, das sie in verschiedenen Körperteilen produzieren und aus Drüsen abgeben. Diese sogenannten Pheromone werden von den Nestgenossinen gerochen und geschmeckt. Sie lösen ganz bestimmte Verhaltensweisen aus: Nahrung holen, Brut pflegen, Königin füttern. So organisieren sie ihre Arbeitsteilung.

Jede Ameise hat eine Spezialisierung, einen Beruf – Arbeitslose gibt es nicht. Eine der wichtigsten: die Königin. Sie ist rund um die Uhr damit beschäftigt, Eier zu legen. Dann gibt es noch die Botschafterinnen. Eine Handvoll Ameisen, die scheinbar ziellos in unseren Küchen umherlaufen, haben sich nämlich keineswegs verirrt. Vielmehr sind hier Spezialisten am Werk: Scouts – auf der Suche nach Fressbarem. Haben sie etwas gefunden, laufen sie zurück zu ihrem Nest und legen dabei einen chemischen Wegweiser. „Nahrung gefunden, bitte abholen“ – so schmeckt und riecht die Botschaft an die Nestgenossinen.

Entlang der Fährte bildet sich nun eine der uns so vertrauten Ameisenstraßen. Sie kann aus Hunderten von Arbeiterinnen bestehen, deren Aufgabe es ist, die entdeckte Nahrung zum Nest zu bringen. Dort geben sie sie an Arbeiterinnen weiter, die im Innendienst beschäftigt sind. Auch hier gibt es Wichtiges zu erledigen: Das Nest muss instand gehalten, die Königin gefüttert und geputzt werden.

Doch das ist noch nicht alles, der Wortschatz der Ameisen ist wesentlich größer. „Früher hat man angenommen, es gäbe um die 20 Pheromone“, sagt Hölldobler. „Man hat nur eine Funktion in der Drüse identifizieren können und gedacht, die fünf bis zehn anderen Substanzen, die da auch noch waren, hätten keine Bedeutung. Das sei sozusagen biochemisches Rauschen. Mittlerweile wissen wir, dass diese Substanzen modulierende Effekte haben. Die Anzahl kann an die Hundert gehen“. Hundert verschiedene Düfte, hundert verschiedene Bedeutungen. Mit einem solchen Vorrat an Informations-Parfüms können die Ameisen auch komplizierte Dinge perfekt organisieren.

Bert Hölldobler berichtet von einer kleinen Kolonie, die ihm aus Italien nach Würzburg geschickt worden war. „Das Paket kam an einem Freitag an, es war gut verpackt, die Ameisen waren versorgt. Ich hatte an diesem Tag wenig Zeit und beschloss, es erst nach dem Wochenende auszupacken. Doch als ich das Paket am Montag öffnete, war die Box leer. Ich konnte mir das überhaupt nicht erklären.“ Er macht eine kleine Pause, und man sieht ihm die Vorfreude an, gleich die Lösung des Rätsels zu präsentieren. „Zwei Wochen später bemerkte ich eine kleine Ameisenstraße, die aus einem Blumentopf führte. Da war mir alles klar: Die haben einen Umzug gemacht. Das müssen Sie sich mal vorstellen, was das bedeutet!“

Eine logistische Meisterleistung: Zunächst mussten die Ameisen einen Ausgang finden, immerhin aus einem Paket, das von Italien nach Deutschland dicht gehalten hatte. Dann schickten sie Späher aus, die das Gebiet – Hölldoblers Büro – nach einem passenden Nestplatz absuchten. Nachdem sie sich für den Blumentopf entschieden hatten, kamen sie zurück, um einige Arbeiterinnen anzufordern, die das neue Heim vorbereiteten. Schließlich zogen der Rest der etwa 300 Arbeiterinnen und die Königin aus der Box in den Blumentopf um. Und das alles schafften sie an einem einzigen Wochenende.

Eine Ameisenkolonie ist ein nahezu perfekt organisiertes Netz aus vielen gleichwertigen Elementen, die einander zuarbeiten: eine soziale Einheit. „Ameisen sind hochentwickelte, aufopferungsbereite und soziale Lebewesen“, sagt Hölldobler und fügt schmunzelnd an: „Es scheint, dass Sozialismus unter bestimmten Umständen doch funktioniert. Karl Marx hatte es einfach nur mit der falschen Art zu tun.“

Ein Ameisenstaat ist also keine Monarchie, die Königin trägt ihren Namen zu Unrecht. Hölldobler: „Sie ist keine Herrscherin, sondern eine Eilegemaschine.“ Rund um die Uhr produziert sie ihre Töchter, die unfruchtbaren Arbeiterinnen der Kolonie. Männchen spielen kaum eine Rolle: Die Königin erzeugt sie erst dann, wenn die Fortpflanzungsperiode näher rückt. Die geflügelten Männchen haben im Grunde nur eine Aufgabe: Sex. Sonst tun sie so gut wie gar nichts.

Zwar hat Hölldobler 1965 in seiner Doktorarbeit nachgewiesen, dass die „spermabeladenen Flugkörper“ in Ausnahmefällen auch Nahrung an Arbeiterinnen weitergeben. Da habe er die Ehre der Männchen noch ein bisschen retten können, sagt er. Trotzdem bestehe ihre eigentliche Aufgabe darin, die ebenfalls beflügelten Weibchen zu begatten. Danach sterben sie. Die befruchteten Weibchen, die Königinnen in spe, können die Spermien speichern und so über Jahre Nachwuchs produzieren.

Schon seit seinem achten Lebensjahr beschäftigt sich Bert Hölldobler mit Ameisen. Auf allen Vieren forschte er in den Shimba-Hügeln Kenias, auf den Stufen eines Mayatempels von Uxmal oder in einem Rinnstein in San Juan. Und seine Leidenschaft ist ungebrochen. Nach wie vor fällt er auf die Knie, wenn es irgendwo nach Ameisen riecht. Als ihn kürzlich ein Bewohner seines Heimatdorfes Hettstadt anrief, um von einer Ameisen-Invasion in seinem Garten zu berichten, eilte er persönlich an den Ort des Geschehens. „Der Anrufer war sehr aufgeregt“, erzählt Hölldobler. Nicht ganz unbegründet, immerhin fand in seinem Garten ein Krieg mit Tausenden von Soldaten statt: „Um das Haus herum zogen sich etwa drei Zentimeter breite, dicht besetzte Straßen mit Glänzendschwarzen Holzameisen, die offensichtlich mit einer anderen Kolonie eine Auseinandersetzung hatten. Über ihre Pheromone haben beide riesige Mengen von Arbeiterinnen für die Konfrontationsstellen rekrutiert.“

Die Glänzendschwarzen Holzameisen kommen in ganz Deutschland vor. Sie besiedeln Hohlräume, in denen sie Kartons bauen und bewohnen. Gern richten sie sich zwischen Balken eines Gartenhauses oder in einem hohlen Baum ein. Ihre Straßen sind normalerweise unauffällig: Meist führen sie von ihren Kartonnestern auf Obstbäume. Dort melken die Holzameisen Blattläuse, mit denen sie eine Symbiose eingegangen sind. Die Blattläuse müssen, um ihren Bedarf an Aminosä