Erschienen in Lufthansa exclusive, Territory, Hamburg

Genie der Kulisse

Hollywood im Hinterhof: Für Star-Regisseure wie Wes Anderson und Steven Spielberg bastelt der Berliner Set-Designer Simon Weisse magische Welten.

Von Sebastian Bröder

Ein Hinterhof im Berliner Stadtteil Neukölln: Drei Kleinwagen auf dem engen Parkplatz, an der Mauer lehnt eine Europalette, und die hellbraune Holztür des roten Backsteinhauses könnte einen neuen Anstrich vertragen. Hollywood-Glamour sucht man vergeblich. Doch hinter der Tür mit dem abgeblätterten Lack werden die Träume internationaler Filmemacher wahr. Sie führt zum Atelier von Simon Weisse, der für wichtige US-Produzenten und Regisseure Kulissen und Requisiten baut. Hier entstanden die Flakons für die Verfilmung des Süskind-Bestsellers „Das Parfum“, das Fantasie-Schiff mit feuerspeiender Kanone aus „Die drei Musketiere“ sowie goldenes, kunstvoll verziertes Geschirr für eine Tafel in „Die Schöne und das Biest“.

Simon Weisse, 57, geboren in Berlin, aufgewachsen in Frankreich, kennt die Filmbranche von Kindheit an. Sein Vater war Standfotograf beim Film, da konnte er seinem Sohn immer wieder mal ein Praktikum verschaffen. Eines davon machte Weisse in der Modellbauabteilung der Produktion „Die Abenteuer des Baron Münchhausen“ unter der Regie des Monty-Python-Stars Terry Gilliam. „In dem Film explodiert andauernd etwas“, erzählt Weisse, „wir mussten Wände mit Ziegeln aus leichtem Material nachbauen, die für Statisten und Schauspieler ungefährlich sind, wenn sie umherfliegen.“ Weisse war da 25 Jahre alt und hatte gerade sein Kunststudium beendet. Das war ihm – bei aller Liebe – doch arg theoretisch vorgekommen: „Ich mag Haptik und das Praktische.“ Im Film-Modellbau konnte er künstlerisch und handwerklich arbeiten. Die Kollegen sahen seine Begeisterung – und sein Talent. Am Ende des Praktikums rieten sie zum Weitermachen und vermittelten ihn an andere Produktionen. So fing alles an.

Simon Weisse hat sich eine kindliche Bastelfreude bewahrt. Erzählt er von der Arbeit, werden seine Züge weicher, das Lächeln wird schelmisch. Der Stolz des Tüftlers offenbart sich auch, blickt man in das rund 250 Quadratmeter große Atelier. Ein Raum ist voller Regale mit Farbtöpfen, Plastikboxen und Werkzeugkoffern, dazwischen stehen Werkbänke mit Drähten, Zangen und Lötkolben. In einer Ecke türmen sich Styroporplatten, in der anderen stehen Holzleisten, Metallstangen und Schubladen-Container mit handbeschrifteten Abteilungen: Drahtseile, Nagelfeilen, Pinsel, Antikwachs, elektronische Teile.

Auch die eine oder andere Filmrequisite lagert hier, darunter eine martialisch große Pistolenattrappe für einen Science-Fiction-Film und die täuschend echt aussehenden Waffen der „Musketiere“, drei gekreuzte Degen. „Die Klingen haben wir aus Bambus gemacht“, erklärt Weisse.

Der Modell- und Requisitenbauer ist ein Ein-Mann-Unternehmen, er kooperiert mit selbstständigen Spezialisten: Bildhauern, Malern und Elektronik-Experten. Für jeden Auftrag stellt er ein neues Team zusammen. „Wenn ein Auftrag da ist, muss in kurzer Zeit sehr viel getan werden.“ Meist arbeitet Weisses Crew im Hinterhof-Atelier, manchmal auch in dafür eingerichteten Werkstätten im Filmstudio. Manche Regisseure fordern das, damit spontane Änderungen direkt am Set umgesetzt werden. Viel Geld lässt sich auch mit Hollywood nicht verdienen. Konkrete Zahlen nennt Weisse nicht, nach einigen Projekten hat er sich schon gefragt, wie es weitergehen soll. Kurz vorm Hinschmeißen ergab sich immer etwas Neues, Spannendes.

Eines seiner Lieblingsprojekte ist das „Grand Budapest Hotel“ aus dem gleichnamigen Film des US-Regisseurs Wes Anderson: ein gut vier mal zwei Meter großes Modell einer sechsgeschossigen Hotelfassade im K.u.k.-Stil, Maßstab 1:18, aus Holz und Kunststoff – Weisse und fünf Kollegen bauten es in drei Monaten zusammen. Die Darsteller agierten vor neutralem Hintergrund und wurden dann mithilfe von Computern maßstabgetreu vor dieses Modell montiert.

Natürlich lässt sich eine solche Kulisse auch am Computer erstellen. „Aber Modelle haben eine andere Ästhetik“, sagt Weisse, „sie sehen nicht unbedingt besser aus, nur verschieden – vielleicht ein wenig authentischer, weniger steril.“ Anderson sei speziell, nämlich „von Handgemachtem geradezu besessen“. Und offensichtlich ist er überzeugt von Weisses Arbeit. Der Regisseur beauftragte ihn für seinen Animationsfilm „Isle of Dogs – Ataris Reise“ (2018) mit dem Bau einer fiktiven japanischen Metropole und postapokalyptischen Industrieruinen.

Weisses Expertise hat sich herumgesprochen – auch bis zu Steven Spielberg, der für seinen Agentenfilm „Bridge of Spies“ Szenen im Cockpit eines Spionageflugzeugs aus dem Kalten Krieg drehen wollte. Ein solches Flugzeug hatte Spielbergs Team zwar aufgetrieben, doch das Cockpit war so eng, dass der Regisseur fürchtete, der Schauspieler könne darin nur eingeschränkt agieren. Er beauftragte Weisse, das Cockpit zusammen mit Studio Babelsberg nachzubauen – zehn Prozent größer und mit Vorrichtungen für die Kamera.

Obwohl Weisse seit gut 30 Jahren Profibastler ist, gibt es keine Routine in seiner Arbeit, jedes Projekt ist ein Unikat. Für „Grand Budapest Hotel“ sollte er auch einen verschneiten Miniaturwald schaffen, Schauplatz einer wilden Schlittenfahrt. „Wir probierten alles aus, auch künstliche Pflanzen, aber nichts überzeugte mich“, erzählt Weisse. Dann begann er mit echten Pflanzen zu experimentieren. Und so entstand der gesamte Wald mit knapp schulterhohen Bäumen aus sorgfältig zurechtgeschnittenen Lebensbaum-Zweigen, die an Stämmen aus Rundhölzern befestigt und mit künstlichem Schnee eingesprüht wurden. Für den Dreh zog das Team eine Kamera auf einem Skateboard durch das Modell. Die Stars mussten sich beim Dreh nur noch auf einen stehenden Schlitten setzen und rasendes Tempo simulieren. Im Film ist die Schlittenfahrt durch den Winterwald nur für Sekunden zu sehen – wie viele andere kleine Meisterwerke, die Weisse erschaffen und in die er viel Zeit investiert hat. Doch das stört ihn nicht. Seine Rechnung lautet: „Wenn ein Film 10.000 Zuschauer hat und meine Arbeit nur zwei Sekunden zu sehen ist, sind das in der Summe ja schon 20.000 Sekunden.“ Außerdem sei immer nur das Bild wichtig, das der Kinozuschauer sehe, nicht das Modell selbst. „Es muss vor allem einen Zweck erfüllen: dazu beitragen, dass der Film gut aussieht.“

Auch wenn Weisse schon für sehr viele große Filmemacher gearbeitet hat, ist er äußerst bodenständig, allzu großes Lob ist ihm suspekt. Er macht einfach seine Arbeit, extrem professionell, ehrlich begeistert, vor allem immer wieder neugierig. Das könnte der Hauptgrund sein, weshalb Größen wie Steven Spielberg oder Wes Anderson ihre Kulissen und Requisiten so denkbar weit entfernt vom glamourösen Hollywood bauen lassen, in einer unscheinbaren Hinterhof-Werkstatt in Berlin-Neukölln.