Erschienen in Reader’s Digest, Verlag Das Beste, Stuttgart

Jede Woche ein Happy End

Johanna Buresch schreibt Arztromane im Akkord.

Von Sebastian Bröder

Dann ist es gut, sagte sie. Und glücklich seufzend schlang sie die Arme um ihn. ENDE. Johanna Buresch speichert ihr Manuskript ab, schaltet den Computer aus und steckt sich eine Zigarette an. Ihr neuer Roman ist fertig, die Liebenden liegen sich in den Armen. „Happy End ist Pflicht“, sagt die Autorin. Sie weiß, was ihre Leserschaft will: „Zum Schluss muss die Heldin den Helden bekommen.“

Johanna Buresch, Jahrgang 1947, verfasst Heftromane: Kitsch auf 64 DIN-A5-Seiten, „Trivialliteratur“, sagt sie selbst. Über 1000 Hefte hat sie bereits veröffentlicht. Ihr Spezialgebiet sind Krankenhaus-Geschichten, vor allem schreibt sie für die wöchentlich erscheinende Serie Chefarzt Dr. Holl. Stefan Holl, Geburtshelfer aus Passion, blendend aussehend, sozial engagiert, leitet die Berling-Klinik. Dort ist die Welt noch in Ordnung. Keine Gesundheitsreform, keine gestressten Ärzte, kein schlecht gelauntes, weil unterbezahltes Pflegepersonal. Um dieses Traumkrankenhaus herum ersinnt Johanna Buresch Geschichten im Wochenakkord: In Folge 1257 erzählt sie, wie sich die unbedarfte Schwester Renate in einen skrupellosen Playboy verliebt. In Band 1263 lässt sie die bildhübsche Schwester Karin an einer Gesichtslähmung erkranken und um die Liebe ihres Freundes Paul fürchten. Wird er sie wegen ihres entstellten Gesichts verlassen? Nein, auf Seite 64 schlingt Karin die Arme um Paul. Glücklich seufzend und in wiedererlangter Schönheit – von der Gesichtslähmung wurde sie auf Seite 58 geheilt.

Johanna Buresch weiß, dass sie keine Weltliteratur produziert. „Meine Arbeit ist keine Kunst, eher ein Handwerk“, sagt sie mit ihrer tiefen, rauchigen Stimme. Ihre Werkstatt liegt im Obergeschoss ihres gemütlichen Hauses in einem Eifeldorf zwischen Ulmen und Cochem. Aber dort schreibt nicht etwa eine weltfremde Kitsch-Tante. Johanna Buresch – klein, füllig, kurze Haare, freundliches Lächeln – steht mit beiden Beinen im realen Leben, das zeigt schon ihre eigene Geschichte. In Tschechien geboren, vertrieb sie der Krieg mit ihrer Mutter und ihrem älteren Bruder nach Niederbayern. Im Alter von 17 Jahren begann sie eine Ausbildung zur Krankenschwester. Dabei wollte sie Abitur machen, vielleicht studieren. Ihre Leistungen hätten das zugelassen, doch ihre Mutter drängte sie ins Berufsleben. „Ich habe es gehasst. Nicht die Arbeit, aber diese furchtbare Hierarchie im Krankenhaus. Nix für mich.“ Als sie 22 war, kündigte sie Arbeitsstelle und Wohnung und trampte nach Spanien. Ohne besonderes Ziel – wo es ihr gefiel, blieb sie eine Weile. „Ich hatte ein wenig Geld gespart, um mir diesen Traum zu erfüllen“, erzählt sie. Nach einem Dreivierteljahr war es verbraucht und sie kehrte zurück nach Deutschland, wohnte ein paar Wochen bei Freunden in Köln. Dort jobbte sie als Packerin, bis sie es sich leisten konnte, ein kleines Zimmer anzumieten. Zwei Jahre später ergriff sie erneut das Fernweh. Diesmal zog es sie mit einer Freundin nach Griechenland. „Aussteigen sollte jeder mal“, findet Johanna Buresch. „Nicht immer nur an die Karriere denken, sich auch mal durchschlagen.“ Dümmer sei dadurch noch keiner geworden.

Schließlich kam sie wieder nach Köln, arbeitete als Straßenbahnfahrerin. „An den Endhaltestellen hatte ich immer eine halbe Stunde Pause“, erzählt sie. Erzählen, das kann sie gut – man mag ihr stundenlang zuhören. „Um die Zeit totzuschlagen, las ich in Zeitschriften, die Fahrgäste in der Bahn liegen ließen.“ So fiel ihr eines Tages ein Heftroman in die Hände. „Da dachte ich: Das kannst du auch.“ Sie setzte sich an ihre Reiseschreibmaschine, tippte über das Wochenende eine 28-seitige Liebesgeschichte, gab ihr den Titel „Amor in Nachbars Garten“ und schickte sie an die Roman-Woche. „Das war so eine Zeitschrift mit lauter Kurzgeschichten“, erzählt sie. „Ich konnte es kaum glauben, aber die Redaktion schickte mir einen Scheck über 1400 Mark und forderte mich auf, weitere Storys zu verfassen.“ Das tat sie. Und wenig später schrieb sie ihren ersten 64-Seiter, einen Adelsroman. „Es lief so gut, dass ich dachte, ich könnte vom Schreiben leben.“ Und so kündigte sie zum dritten Mal ins Blaue hinein, um sich in ein Abenteuer zu stürzen. Bereut hat sie es bis heute nicht. „Ich bin nicht reich“, sagt sie, zieht an ihrer Zigarette, lächelt verschmitzt. „Aber auch nicht arm. Das Haus hier ist jedenfalls abbezahlt. Und mir macht meine Arbeit Spaß. Was will ich mehr?“

Mit ihrer Arbeit beginnt sie spätestens um halb acht, nachdem sie ihre drei Katzen und zwei Hunde versorgt hat. Ihr Arbeitszimmer: unspektakulär. Schreibtisch, Computer, Regale gefüllt mit Nachschlagewerken über Psychologie, Medizin, Biologie, einem „Who-is-Who im Hochadel“. Während der Computer hochfährt, betet sie. „Ich bedanke mich für den neuen Tag, dafür dass ich Arbeit und viele gute Freunde habe.“ Einer davon ist Doktor der Biologie an der Kölner Universität. Ihn fragt sie manchmal um Rat, wenn sie über einer Geschichte brütet. „Ich brauchte zum Beispiel einmal Informationen über eine Hautkrankheit. Wie die aussieht, wie man sie behandelt und so weiter. Das erklärte er mir haarklein und ich baute es in einen Roman ein.“ Auch ihr Hausarzt ist ein wichtiger Informant, doch die meisten Einfälle kommen Johanna Buresch eher zufällig. Manchmal reiche ihr zur Inspiration eine Schlagzeile aus der Zeitung oder ein Satz, den sie aufschnappt. Im Café zum Beispiel, in der Straßenbahn oder an der Supermarktkasse.

Ihre Geschichten erscheinen unter Pseudonymen wie Katrin Kastell, Barbara Mellin, Ulrike Larsen. Nicht, weil es ihr peinlich ist, unter ihrem wirklichen Namen zu schreiben. „Ich stehe zu allem, was ich mache“, sagt sie ohne eine Spur von Zweifel. „Die Verlage wollen die Pseudonyme. Wahrscheinlich, weil die Leser eine Autorin mit wohlklingendem Namen bevorzugen. Mir soll‘s recht sein.“ Über ihre Leserschaft weiß sie nicht viel. „Umfragen zufolge lesen alle sozialen Schichten Heftromane. Aber ich glaube, dass es viele leugnen. Das ist wahrscheinlich wie bei der Bild-Zeitung: Keiner will sie gelesen haben, aber alle wissen, was drin steht.“ Für diese Theorie sprechen die enormen Auflagen der Hefte. Allein der Bastei-Verlag produziert jährlich 300 Millionen Exemplare.

Auch Johanna Buresch liest viel, aber keine Heftromane. Sachbücher verschlingt sie jedoch, am liebsten solche über Archäologie und Geschichte. Zurzeit liest sie ein Buch vom Dalai Lama. Fünf oder sechs Jahre möchte sie noch arbeiten. „Mein Traum ist es, dann ein kleines Häuschen in Griechenland zu haben. Im Garten werde ich Tomaten und Auberginen anbauen“, sagt sie mit leuchtenden Augen. Und noch einen Traum will sie sich erfüllen: ein richtiges Buch zu schreiben, vielleicht einen Krimi. Einige Ideen habe sie schon – nichts rasend Anspruchsvolles, aber eben auch kein Groschenroman. „An dem Manuskript feile ich dann so lange herum, bis mir jedes einzelne Wort gefällt“, sagt sie. Herumfeilen am Text ist für sie heute der pure Luxus. Heftromane reifen nicht, sie entstehen unter Zeitdruck. Deshalb wird auch morgen um sechs Johanna Bureschs Wecker klingeln. Sie wird die Treppe zu ihrem Arbeitszimmer hinaufgehen, beten und sich eine neue Geschichte ausdenken. Enden wird sie, wie immer, glücklich: Zärtlich küsste er sie, und als er spürte, dass sie sich an ihn schmiegte und ihm nahe sein wollte, wusste er, dass er endlich die Richtige in den Armen hielt. ENDE.