Erschienen in Psychologie Heute, Beltz Verlag, Weinheim

Koste es, was es wolle

Konsum macht Spaß und Kreditverträge sind schnell unterschrieben. Die Folge: Immer mehr Deutsche stecken bis zum Hals in der Schuldenfalle. Überschuldung ist dabei längst nicht mehr nur ein Problem der sozialen Randgruppen. Betroffen sind zunehmend auch Mittelschichtangehörige. Warum leben Menschen über ihre Verhältnisse? Und wie können Schulden einen Menschen verändern?

Von Sebastian Bröder

Holzmann, Kirch und Babcock Borsig: Wenn Großkonzerne Insolvenz anmelden, berichten die Medien so ausführlich, dass sich die Namen der untergegangenen Firmen in unserer Erinnerung festsetzen. Sie werden zu Synonymen für die Wirtschaftskrise. Vergleichsweise unbemerkt stehen aber auch immer mehr Privatpersonen vor dem finanziellen Aus: Ein Drittel aller Insolvenzverfahren des letzten Jahres richtete sich nicht gegen Unternehmen, sondern gegen so genannte Verbraucher: 33.609 Frauen, Männer und Familien erfasste die Pleitewelle im Jahr 2003. Jeder Einzelne von ihnen sitzt auf einem Schuldenberg von durchschnittlich 100.000 Euro. Die Zahl der Verbraucherinsolvenzen hat sich seit ihrer Einführung im Jahr 1999 verzehnfacht.

„Diese Steigerung überrascht mich nicht“, sagt Marius Stark, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Schuldnerberatung der Verbände. „Schließlich gelten heute etwa drei Millionen deutsche Haushalte als überschuldet. Sie alle sind potenzielle Kunden für das Verbraucherinsolvenzverfahren.“ Überschuldet heißt, dass nach Abzug der Lebenshaltungskosten – wie Aufwendungen für Wohnen, Kleidung und Ernährung – nicht genug Geld übrig bleibt, um die bestehenden Verbindlichkeiten abzuzahlen. Wer sich Geld leiht, ist also zunächst einmal nur verschuldet – solang er von seinem laufenden Einkommen die vereinbarten Raten bezahlen kann.

Scheitert dies, liegt meist einer von vier Gründen vor: Arbeitslosigkeit ist der wichtigste. Bei rund einem Drittel aller Zahlungsunfähigen ist der Verlust des Jobs das auslösende Moment. Aber auch eine unwirtschaftliche Haushaltsführung, die Folgekosten von Trennung oder Scheidung und dauerhaftes Niedrigeinkommen in Verbindung mit Schicksalsschlägen (zum Beispiel Tod, Unfall oder Krankheit) können den Übergang von der Verschuldung in die Überschuldung bewirken. Marius Stark unterscheidet jedoch: „Diese vier Gründe sind lediglich die Auslöser, die ein ohnehin wackliges Finanzgerüst einstürzen lassen. Die Ursachen liegen tiefer.“

Es stellt sich also die Frage: Warum konstruieren Menschen überhaupt wacklige Finanzgerüste? „Wir geben nur das aus, was wir auch verdient haben“, lautet eine alte Regel. Ist sie überholt, wandeln sich die Werte? Beim Erwerb einer Immobilie ist Verschuldung gesellschaftlich akzeptiert. Doch wie steht es beim Computerkauf, dem neuen CD-Player, einer Urlaubsreise? Studien haben gezeigt, dass die Mehrheit der Bevölkerung in dieser Frage nach wie vor zurückhaltend reagiert: 70 Prozent der Deutschen geben an, dass Verschuldung für sie nicht infrage kommt, auch wenn sie dann auf eine größere Anschaffung verzichten müssten. „Andererseits ist es volkswirtschaftlich gesehen durchaus sinnvoll, auf Pump zu leben“, sagt die Ökonomin Ingrid Schulz-Ermann, Professorin für Sozialpolitik an der Fachhochschule Potsdam. Die Expertin hat sich auf Fragen der Existenzsicherung spezialisiert und leitet Aus- und Weiterbildungsveranstaltungen für Schuldnerberater. „Schulden zu machen ist eben auch erwünscht, denn das kurbelt die Wirtschaft an“, erklärt sie. Investitionen und ein gewisses Maß an Risikobereitschaft seien wichtige Pfeiler unseres Wirtschaftssystems.

Ein Widerspruch? Nicht unbedingt: Marius Stark vermutet, dass viele Menschen sich überhaupt nicht bewusst sind, Schulden zu machen. „Sie betrachten zum Beispiel die Tatsache, dass ihnen die Bank gestattet, ihr Girokonto bis zu einer bestimmten Grenze zu überziehen, als ein Geschenk des Hauses. Dass der Dispo in Wahrheit ein sehr teurer Kredit ist, nehmen sie gar nicht wahr.“ Diese Ansicht unterstützt der Soziologe Dieter Korczak, Autor der bisher umfangreichsten Studie zum Thema Überschuldung in Deutschland, die vom Bundesministerium für Familie, Frauen, Senioren und Jugend in Auftrag gegeben wurde: „Es gibt eine große Gruppe von Menschen, die über sehr geringe finanzielle Kompetenzen verfügt“, so Korczak. „Ihr stehen Kreditangebote gegenüber, die im Allgemeinen völlig undurchsichtig gestaltet sind.“ Begriffe wie easyCredit und Werbebotschaften wie „Leben Sie jetzt – wir kümmern uns um die Details“ suggerieren sorgenfreien Genuss statt Schulden und Zinsen. Marius Stark: „Die Wirtschaft weiß: Die Menschen haben heute kein Geld. Also versucht sie, an das Geld von morgen zu kommen.“

Und diese Rechnung scheint aufzugehen: Legt man das Gesamtvolumen des im Rahmen von Konsumentenkrediten verliehenen Geldes zugrunde, ist die Verschuldung in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen. Soziologen sprechen inzwischen von einer Kreditgesellschaft, und Tests von Verbraucherschützern haben gezeigt: Es ist ein Kinderspiel, an einen Kredit zu kommen.

„Jeder möchte am Konsum, den unser Wohlstand möglich macht, teilnehmen – auch wenn das Budget knapp ist“, sagt Schulz-Ermann. „Es wird uns vorgelebt: Die Werbung zum Beispiel erklärt immer wieder, was Frauen, Männer und Kinder brauchen, um dazuzugehören.“ Der Mann im Werbespot bringt es auf den Punkt: „Mein Haus, mein Auto, meine Yacht“, sagt er, während er dem staunenden Bekannten Fotos seiner kostspieligen Statussymbole präsentiert. Klar, der Mann ist ein Angeber. Aber er sieht gut aus, ist schick angezogen, hat es geschafft. Konsum gibt Status.

Dieter Korczak: „Täglich werden wir von einer irrsinnigen Menge von Manipulationseindrücken überflutet. Durch Marketingmaßnahmen wird ein riesiger Druck ausgeübt, in diesem Konsumwettbewerb mitzuhalten. Da ist es für den Einzelnen schwer, dem zu widerstehen. Es gehört sehr viel Selbstbewusstsein und Energie dazu. Und es wird sehr wenig getan, um dieses Selbstbewusstsein zu fördern. Im Gegenteil: Derjenige, der sich an diesem Spiel nicht beteiligt, wird eher als Verlierer betrachtet.“

Ingrid Schulz-Ermann kritisiert einen „gewissen Werteverfall“, besonders im Umgang mit Geld bei Kindern. Fehlende Zuwendung kompensierten Eltern allzu oft durch den Kauf bestimmter Waren. „Es sollte uns gelingen, unsere Kinder zu stärken. Und zwar so, dass sie nicht nur Markenklamotten und Handys als wertvoll ansehen, sondern auch immaterielle Dinge. Zur Verdeutlichung: Vor etwa zwei Jahren lief ein Spot im Fernsehen; da unterhalten sich drei Kinder. ‚Mein Vater hat einen Mercedes‘, sagt das erste. ‚Meine Mutter hat ein Pferd‘, sagt das zweite. Und das dritte Kind sagt ganz selbstbewusst: ‚Meine Eltern spielen mit mir.‘ Das ist es, was ich meine: Ob man unbedingt mithalten muss, ist abhängig von Erfahrungen, Erziehung, Bildung.“

Die Experten – Wissenschaftler und Praktiker – warnen jedoch auch vor einer einseitigen Sichtweise: Nicht alle Schuldner sind Opfer von Gruppendynamiken oder von Werbeindustrie und Kreditwirtschaft Verführte. Die Realität ist vielschichtiger und manchmal auch unbequemer: „Wir dürfen nicht außer Acht lassen, dass es durchaus Menschen gibt, die ihre Rechnungen gar nicht begleichen wollen. Manche wissen sehr gut, mit welchem Arbeitsaufwand und welchen Kosten ein Gläubiger das ihm zustehende Geld eintreiben muss“, sagt Ingrid Schulz-Ermann. Diese Schuldner kalkulierten geradezu damit, dass Beträge bis zu einer bestimmten Höhe nicht gerichtlich eingefordert werden. „Zahlungsmoral und Unrechtsbewusstsein sind oft genug katastrophal“, sagt Schulz-Ermann.

Vor rund 20 Jahren begannen Wohlfahrtsverbände, Verbraucherberatung und Kommunen mit dem Aufbau kostenloser Schuldnerberatungsstellen, von denen es zurzeit in Deutschland rund 1000 gibt. Ihr Sprecher Marius Stark erklärt, dass damals in erster Linie einkommensschwache und sozial benachteiligte Bevölkerungsgruppen Rat suchten. Doch in den letzten zehn Jahren habe sich das Bild gewandelt. „Überschuldung ist nicht mehr nur ein Problem der sozialen Randgruppen. Es kommen immer mehr Menschen aus der Mittelschicht. Auch Ärzte.“ Zwischen 25 und 40 Jahre alt seien die meisten Klienten. Zwar beobachten Marius Stark und seine Mitarbeiter die Tendenz, dass in immer früheren Jahren Schulden gemacht werden. „Oft ist bei Jugendlichen mit dem Handy der Einstieg in die Schuldenfalle vorprogrammiert.“ Es daure jedoch, bis aus der Verschuldung eine Überschuldung geworden sei. „Und dann dauert es noch einmal eine Zeit lang, bis die Not der Leute so groß ist, dass sie zu uns kommen. Sie versuchen zu lange, es allein zu schaffen.“

Scham sei oft der Grund, vermutet Ingrid Schulz-Ermann. „Nicht wenigen ist ihre Lage so peinlich, dass sie sich völlig zurückziehen.“ Und manchmal kommt erst durch einen Zufall die bittere Wahrheit ans Licht: Schulz-Ermann berichtet von einer Grundschullehrerin, die hellhörig wurde, als ein Mädchen in der zweiten Klasse erzählte, dass es bei ihr zu Hause so gemütlich sei, weil immer Kerzen brennen würden. Auf Nachfragen der Lehrerin stellte sich heraus, dass die Familie seit Monaten ohne Strom lebte, weil sie nicht mehr in der Lage war, die Rechnungen zu bezahlen.

Zuzugeben, dass man sich verkalkuliert hat, fällt schwer. Einem Unbekannten gegenüber erst recht. „Von 100 Leuten kommt nur einer, bevor das Kind in den Brunnen gefallen ist“, sagt Heinrich Wilhelm Buschkamp, Schuldnerberater beim Paritätischen Wohlfahrtsverband Bielefeld. Doch selbst wenn der persönliche Finanz-GAU unübersehbar scheint, verfügen Schuldner offenbar über ein stark eingeschränktes Wahrnehmungsvermögen: „Viele sind total hilflos und wissen weder, in welcher Situation sie sich befinden, noch wie sie dahin gekommen sind. Kaum jemand glaubt, in der Vergangenheit den einen oder anderen Fehler gemacht zu haben.“

Stattdessen hört der Schuldnerberater von seinen Klienten oft den Satz: „Ich musste den Kredit doch aufnehmen!“ Andere delegieren die Verantwortung an Dritte: „Die Bank ist schuld, sie hätte mir den Kredit gar nicht geben dürfen“, sagen sie. „Einige kommen dann langsam darauf, dass sie für ihr Tun selbst verantwortlich sind“, sagt Buschkamp.

Die meisten Schuldnerberaterinnen und -berater verfügen über eine sozialpädagogische Ausbildung, viele über therapeutische Zusatzqualifikationen. Der Grund: Wer in der Schuldenfalle steckt, hat meist wesentlich mehr Probleme als nur die vielen unbezahlten Rechnungen. Zwar gibt es den Schuldnertypen, der lediglich ein Informationsgespräch benötigt, um anschließend seine finanziellen Angelegenheiten selbst zu regeln. „Die Mehrheit aber braucht Unterstützung, weil sie sich in teilweise handfesten psychischen Krisen befindet“, erklärt Buschkamp.

In der Regel haben diese Ratsuchenden bereits zahlreiche Anstrengungen unternommen, sich von ihrer Schuldenlast zu befreien. Durch das wiederholte Scheitern dieser Versuche „werden die Menschen tendenziell zu einer Entwicklung einer Persönlichkeit gedrängt, bei der sich die Erwartungen der Nichtkontrollierbarkeit verfestigen“, heißt es in der Studie Überschuldung in Deutschland. Die Folgen sind weitreichend: Fast die Hälfte aller Schuldner leidet an psychosomatischen Erkrankungen. Die Ausmaße reichen von Nervosität, dem Verlust des Selbstvertrauens und Schlafstörungen bis zur Entwicklung schwerster Depressionen, die mit Selbstmord enden. Gelähmt, demoralisiert, gebrochen – so erlebt Schuldnerberater Buschkamp die meisten seiner Klienten. „Sie sind mit einer inneren Blockade ausgestattet, wirken überfordert und kaum handlungsfähig.“

Nicht selten sei auch das Umfeld des Schuldners betroffen, ergänzt Dieter Korczak und berichtet von einer Erhebung im süddeutschen Raum, die herausfand, dass in 100 Insolvenzverfahren 160 Menschen von psychosomatischen Auffälligkeiten betroffen waren. Schulden können krank machen – nicht nur die Überschuldeten selbst, sondern auch ihre Kinder, Eltern, Partner.

Hand in Hand mit der großen psychischen Belastung geht manchmal auch eine soziale Destabilisierung: Besonders wenn der Zustand der Überschuldung lange andauert, kommt es zu gesellschaftlicher Ausgrenzung. Heinrich Wilhelm Buschkamp vermutet einen engen Zusammenhang mit dem gebrochenen Selbstvertrauen vieler Schuldner: „Sie fühlen sich klein und unwürdig und ziehen sich daher mehr und mehr zurück.“ Soziale Kontakte kosten Geld: Wenn man Bekannte besucht, möchte man nicht mit leeren Händen vor der Tür stehen. Wer meint, für eine Geburtstagsfeier nicht die passende Kleidung zu besitzen, bleibt zu Hause. Und auf einen geselligen Abend in der Kneipe verzichten viele, bevor es zu peinlichen Situationen kommt.

Der selbst gewählte Rückzug aus dem öffentlichen Leben geht oft auch mit bewusster oder unbewusster Fremdausgrenzung einher: Buschkamp berichtet in diesem Zusammenhang von einer Frau aus einer kleinen Stadt, die vor einiger Zeit in seine Beratung kam. Wegen ihrer hohen Schulden hatte sie unter anderem den Mitgliedsbeitrag an einen Verein nicht überwiesen. Dieser hatte daraufhin mehrfach gemahnt und schließlich einen so genannten Vollstreckungstitel gegen die Frau erwirkt. Das kommt einem gerichtlichen Urteil gleich und ermöglicht es dem Gläubiger, innerhalb einer Verjährungsfrist von 30 Jahren Zwangsvollstreckungsmaßnahmen zu betreiben – zum Beispiel Lohn- oder Sachpfändungen durch einen Gerichtsvollzieher. „Das Vorgehen des Vereins sprach sich in den dörflichen Verhältnissen schnell herum. Die Frau war deshalb völlig verzweifelt und schämte sich so sehr, dass sie glaubte, sich in der kleinen Stadt nicht mehr blicken lassen zu können“, erzählt Buschkamp. Vielleicht wäre der Verein nicht in dieser Härte gegen sein langjähriges Mitglied vorgegangen, wenn die Frau ihn frühzeitig über ihre finanziellen Nöte informiert hätte. Doch das ist leichter gesagt als getan. Die Scham macht defensiv. „Manche verlassen ihre Wohnungen so gut wie gar nicht mehr“, berichtet Ingrid Schulz-Ermann. „Sie verbarrikadieren sich hinter herabgelassenen Rollläden und verschlossenen Türen.“ Nur ein Bruchteil von ihnen sucht den Weg zum Schuldnerberater. Zehn Prozent vielleicht, schätzt Buschkamp. Zehn Prozent, die noch nicht gänzlich resigniert haben.

Bei ihnen versucht der Schuldnerberater zunächst, das Schlimmste zu verhindern, eine Zwangsräumung der Wohnung zum Beispiel. Ist die akute Gefahr gebannt, steht eine Gesamtanalyse an: Welche Einnahmen hat der Schuldner, welche Ausgaben stehen dem gegenüber? Gibt es zusätzliche Geldquellen, sind zum Beispiel alle infrage kommenden Sozialleistungen beantragt? Existieren Einsparmöglichkeiten? Der Schuldnerberater recherchiert auch bei den Gläubigern: prüft, ob alle Forderungen berechtigt sind, und überlegt gemeinsam mit seinem Klienten, welches Verfahren angestrebt wird. Ziel ist eine außergerichtliche Einigung mit den Gläubigern. Scheitert sie, bleibt das Verbraucherinsolvenzverfahren. Dabei tritt der Schuldner sein Einkommen bis auf den unpfändbaren Teil an einen Treuhänder ab, der es nach einem zuvor festgelegten Schlüssel an die Gläubiger ausschüttet. Sechs Jahre dauert dieses Verfahren. In dieser Zeit muss sich der Schuldner an strenge Auflagen halten. Schafft er das, werden ihm nach Ablauf der Frist die verbleibenden Schulden erlassen.

Als das Verbraucherinsolvenzverfahren 1999 eingeführte wurde, gab es nicht nur Zustimmung: „Warum sollen Menschen dafür belohnt werden, dass sie über ihre Verhältnisse leben?“, fragten die Kritiker. Marius Stark entgegnet dem: „Erstens ist es alles andere als ein Spaziergang, sechs Jahre lang am Existenzminimum zu leben. Zweitens geht es letztlich darum, diesen Menschen eine Perspektive aufzuzeigen. Denn wer hoffnungslos überschuldet ist, hat keine Motivation mehr, etwas zu unternehmen, und fällt für den Rest seines Lebens dem Staat zur Last.“

Natürlich wäre es besser, wenn mehr Menschen gar nicht erst in die Nähe eines Insolvenzverfahrens kämen. Schuldnerberater fordern daher, das Thema finanzielle Allgemeinbildung stärker ins Blickfeld zu rücken. Zum Beispiel durch die Aufnahme in die Lehrpläne der Schulen könne der „finanzielle Analphabetismus“, der in Kombination mit Geldknappheit besonders gefährlich sei, bekämpft werden. „Junge Menschen müssen lernen, sich im Markt der Finanzdienstleister zurechtzufinden“, sagt Marius Stark. Die Studie Überschuldung in Deutschland schlägt unter anderem vor, ökonomische Beratungsstellen einzurichten, gefährdeten Haushalten unbürokratische Hilfen (so genannte Feuerwehrfonds) zur Verfügung zu stellen und familienfreundliche Darlehen zu entwickeln. Darüber hinaus sieht Dieter Korczak auch die Banken in der Pflicht: Der Soziologe fordert eine verantwortungsvolle, umfassende und einfühlsame Beratung des Kreditnehmers. Ziel aller Maßnahmen ist der „mündige Verbraucher“, der in der Lage ist, verlockende Angebote zu durchschauen, Warnzeichen frühzeitig zu erkennen und rechtzeitig Konsequenzen zu ziehen. Ein mündiger Verbraucher lebt nicht über seine Verhältnisse, weil er seine Verhältnisse kennt.