Erschienen in LiMa, Liborius Magazin Verlagsgesellschaft, Hamm

Leben bis zuletzt

Hospize ermöglichen ein Sterben in Würde.

Von Sebastian Bröder

Das Hospiz Veritas liegt mitten im Leben. Man merkt das sofort, wenn man sich ihm nähert im Ortskern des Städtchens Lübbecke, nur wenige Geh-Minuten von der Fußgängerzone. Gegenüber stehen Einfamilienhäuser, spielen Kinder und nebenan trainiert einmal in der Woche eine Jazztanz-Gruppe. Das Hospiz liegt etwas zurück von der Straße. Es ist ein dreistöckiges Haus mit sonnengelber Fassade und kleinen Balkonen, auf denen Terrakottatöpfe mit Blumen und Grünpflanzen stehen. Ein schmaler Weg führt zwischen jungen Bäumen und Büschen zum Eingang, einer großen zweiflügeligen Glastür. Wer hinein möchte, muss klingeln und per Gegensprechanlage sein Anliegen mitteilen. Ein roter Läufer weist den Weg zum Fahrstuhl und zur Steintreppe in den ersten Stock. Die Wände sind in einem warmen Cremeton gestrichen, bunte abstrakte Gemälde hängen in Augenhöhe, in den Fluren liegt blaugrauer Teppichboden.

Es ist still im Hospiz an diesem frühen Nachmittag. Nur eine Kinderstimme dringt leise aus einem Zimmer mit geöffneter Tür. Im Flur steht ein Rollwagen aus Edelstahl mit Kaffeetassen und Thermoskannen. Eine Frau in Jeans und rosa Poloshirt kommt aus dem Zimmer, schließt die Tür hinter sich und stellt eine Tasse auf den Wagen. Die Frau heißt Barbara Eberhard, sie ist 44 Jahre alt und Krankenschwester im Hospiz Veritas. Gerade hat ihre Nachmittagsschicht begonnen, nach der Übergabe macht sie einen Rundgang durch die zehn Gästezimmer des Hauses. Gäste – so nennen Barbara Eberhard und ihre Kolleginnen die Menschen, die sie pflegen. Menschen, die an einer fortschreitenden und nicht mehr heilbaren Krankheit leiden, meist an Krebs. Menschen, die eine Behandlung im Krankenhaus nicht mehr brauchen oder wünschen. Menschen, die in absehbarer Zeit sterben werden.

Die Sterbenden als Gäste zu verstehen, erklärt bereits einiges von der Idee Hospiz. Einen Gast sieht man nicht in irgendeiner Funktion, man stellt seine Bedürfnisse in den Mittelpunkt, überlegt beispielsweise, was er wohl gern essen mag und wie man ihm seinen Besuch so schön wie möglich gestalten kann. „So ist es auch hier“, sagt Barbara Eberhard. Das Wort Hospiz stammt ab vom lateinischen „Hospitium“, zu Deutsch: Herberge, Gastfreundschaft. Im Mittelalter waren Hospize kirchliche oder klösterliche Verpflegungsstätten für Pilger und reisende Mönche, auch Arme und Kranke wurden beherbergt. Ein Hospiz ist also ursprünglich eine Raststätte – und im Prinzip ist es das heute auch noch, findet Barbara Eberhard: eine letzte Raststätte auf der Reise vom Leben in den Tod.

Was brauchen Menschen für diese Reise? Welche Bedürfnisse haben sie, was ist ihnen wirklich wichtig am Ende ihres Lebens? Mit diesen Fragen beschäftigte sich der Arzt Johann-Christoph Student, einer der Pioniere der deutschen Hospizbewegung. Er stellte fest, dass die Wünsche todkranker Menschen, so unterschiedlich sie auch sind, vier Dimensionen haben: eine soziale, eine körperliche, eine psychische und eine spirituelle. Der dringlichste Wille trifft die soziale Dimension, er lautet: „Ich möchte beim Sterben nicht allein gelassen werden.“

Umfragen zufolge wollen 80 bis 90 Prozent ihre letzten Tage mit vertrauten Menschen und in vertrauter Umgebung verbringen. Vor hundert Jahren war das auch so: Der Tod hatte seinen ganz selbstverständlichen Platz inmitten der Familie. Kranke wurden bis zu ihrem letzten Atemzug von der jüngeren Generation gepflegt, Verstorbene bis zum Begräbnis im Haus der Familie aufgebahrt. Heute beenden acht von zehn Menschen ihr Leben in Institutionen, vor allem in Krankenhäusern. Doch ist es nicht gerade der Auftrag der Krankenhäuser zu heilen, das Leben also zu erhalten und das Sterben zu verhindern? Ist ein Krankenhaus nicht allein deshalb schon ein denkbar ungeeigneter Ort zum Sterben?

Sicher: Den Wunsch nach einem schmerzfreien Tod, der sich auf die körperliche Dimension bezieht, können Mediziner meist erfüllen. Doch was ist mit der psychischen und der spirituellen Dimension? Hierbei geht es zum einen um das Bedürfnis, letzte Dinge regeln zu können – zum Beispiel Beziehungen zu klären, einem bestimmten Menschen noch etwas zu sagen, „unerledigte Geschäfte“ abzuschließen, wie die Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross sie nannte. Zum anderen möchten Todkranke nach dem Sinn des Lebens und dem Danach fragen, und sie wünschen sich Gesprächspartner, die diese Fragen auch aushalten. Bietet ein Krankenhaus Zeit und Raum für all diese Wünsche? Man kann dort möglicherweise gar nicht in Ruhe und Frieden loslassen, weil Ärzte und Pflegekräfte – in bester Absicht und ihrem gesellschaftlichen Auftrag folgend – versuchen, den Tod nicht zuzulassen. Oft mit allen Mitteln der modernen Medizin und manchmal um den Preis, dass nicht mit den Kranken, sondern über sie gesprochen wird. Und dass sie ihren sozialen Tod schon vor dem körperlichen erleiden, wie Johann-Christoph Student formuliert.

Für viele Menschen ist die Vorstellung einer anonymen Apparatemedizin ein Schreckensbild, das immer häufiger den Wunsch nach sogenannter Sterbehilfe aufkommen lässt. In einer Forsa-Erhebung beantworteten 74 Prozent der Befragten die Frage, ob es deutschen Ärzten erlaubt werden sollte, kranken Menschen auf ihren persönlichen Wunsch hin ein tödliches Mittel zu verabreichen, mit Ja. Ein Ergebnis, das belegt, dass uns die Kultur des Sterbens abhanden gekommen ist. Die einzige Alternative zu einem würdelosen Ableben an Schläuchen und Apparaten scheint uns eine „saubere“ und schnelle Entsorgung kranker Menschen zu sein: der gesellschaftlich verordnete Selbstmord. In den Niederlanden und in Belgien ist aktive Sterbehilfe seit 2002 legal. Ärzte dürfen dort auf Verlangen töten. Und die Schweizer Organisation Dignitas ermöglicht unheilbar Kranken gegen Bezahlung den Freitod: Sie erhalten die tödliche Dosis eines Schlafmittels, das sie im Beisein eines Arztes einnehmen.

In Deutschland sind diese Formen der Sterbehilfe strafbar – noch, muss man wohl sagen, denn der Großteil unserer Gesellschaft befürwortet sie, wie die Forsa-Umfrage zeigt. Es lässt sich jedoch auch belegen, dass nur 20 Prozent der Deutschen wissen, welche Ziele die Hospizbewegung verfolgt. Dass sie einen dritten Weg bietet, einen Weg jenseits von Euthanasie oder Apparatemedizin. Einen Weg, bei dem Ärzte zwar eine wichtige Rolle spielen, nämlich die des Dienstleisters in Sachen Schmerztherapie – die sich dann jedoch respektvoll zurückziehen und die soziale, die psychische und die spirituelle Dimension des Sterbens anderen überlassen. Einen Weg, der eine Kultur des Sterbens pflegt – mit Lebensqualität bis zuletzt.

Sich den Sterbenden widmen, ihnen zuhören, sich ohne Zeitdruck auf sie einlassen – genau das nimmt in der Arbeit von Barbara Eberhard und ihren Kolleginnen einen großen Raum ein. Und die Krankenschwestern sind dabei nicht allein. Sie werden unterstützt von einer Sozialarbeiterin und vielen Ehrenamtlichen, ohne die die Idee Hospiz nicht machbar wäre. Darüber hinaus beschäftigt das Hospiz Veritas die Pastorin Barbara Fischer. „Unser Träger, der Paritätische Verein, ist zwar konfessionsfrei, doch viele unserer Gäste wünschen eine christliche Begleitung“, sagt die 42-jährige Seelsorgerin. Gerade Menschen, die bisher einen weniger engen Kontakt zur Kirche hatten, wollen mit Barbara Fischer sprechen. Worüber? „Menschen, die sterben, beschäftigt das Leben“, sagt sie. „Ihr Leben. Wie es gewesen ist, was schön war, wie sie zum Beispiel mit ihren Kindern verreist sind.“ Biografiearbeit nennt die Seelsorgerin solche Gespräche. Sie spricht mit den Gästen auch über ihre Angst vor dem, was kommt. „Viele Hospiz-Gäste setzen sich sehr bewusst mit ihrem Tod auseinander“, erzählt Barbara Fischer. „Ich sehe mich da als Fährmann, der hilft, das Schiff wohlbehalten auf die andere Seite zu bringen.“

Natürlich kann und will die Hospizbewegung nicht ohne Ärzte arbeiten. Sie sind jedoch nicht beim Hospiz angestellt, sondern besuchen ihre Patienten dort. Auf diese Weise ist es den Gästen häufig möglich, ihre Hausärzte zu behalten, zu denen meist ein jahrelanges Vertrauensverhältnis besteht. Hospize arbeiten darüber hinaus aber auch eng mit so genannten Palliativmedizi