Erschienen in Reader’s Digest, Verlag Das Beste, Stuttgart

Wilde Wüste Wattenmeer

Leben im Rhythmus von Ebbe und Flut.

Von Sebastian Bröder

Von Westen weht der Wind. Dumpf und wild rauscht er in meinen Ohren. Es riecht nach Salz. Mehr nehme ich nicht wahr. Mit geschlossenen Augen stehe ich auf dem Deich bei Lüttmoorsiel in Schleswig-Holstein. Nationalpark-Wattführerin Anne Segebade hat mich „blind“ auf den grasbewachsenen Wall geführt, der die Nordsee vom Festland trennt. „Wenn man den Sehsinn erst einmal weglässt, ist das Naturerlebnis besonders stark“, hat sie versprochen. Nach zwei Minuten darf ich die Augen öffnen. Vorhang auf für das Wattenmeer! Eine scheinbar endlose Wüste aus glitzerndem graublauem Matsch, die am Horizont mit dem diesigen Himmel verschmilzt. Darüber tobt ungebremst der Wind, als wolle er davor warnen, die Deichkrone zu überschreiten und in sein Reich einzudringen. Trotzdem heißt es jetzt: Schuhe aus und hinein in die wilde Weite, die die Nordsee zweimal täglich bei Niedrigwasser freigibt!

Dunkler Schlick quillt zwischen meine Zehen. Der Meeresboden ist warm, gibt jedoch nicht gleichmäßig nach, so dass ich mal tiefer, mal gar nicht einsinke. Daran muss sich mein Gleichgewichtssinn erst gewöhnen. „Kleine Schritte machen“, lautet Anne Segebades Rezept. Geschickter als ich stapft die sportliche Frau mit der gesunden Bräune in den, wie sie sagt, „faszinierenden Lebensraum“. Über unseren Köpfen schreien ein paar Möwen – aber sonst? Mein Eindruck: Hier lebt gar nichts. „Falsch“, sagt Anne Segebade. „Das Watt ist ein Lebensraum auf den zweiten Blick.“

Mit einem Plastikrahmen, den sie aus ihrem Rucksack kramt, sticht sie ein quadratisches Stück aus dem Boden und gibt es in ein Küchensieb. Zurück bleiben dunkelbraune Punkte, die sich bei näherem Hinschauen als etwa fünf Millimeter große Schnecken entpuppen. 48 Stück zählen wir. „Der Rahmen hat Seitenlängen von zehn Zentimetern, auf einen Quadratmeter kommen also knapp 5.000 Wattschnecken“, rechnet die Wattführerin vor. Die unzähligen „Steinchen“, mit dem der Boden übersäht ist, sind in Wahrheit also Milliarden Schnecken. Während ich noch überlege, auf wie vielen ich in diesem Moment wohl stehe, weist mich Segebade auf eine zweite Lebensform hin: Algen – der Anfang der Nahrungskette. In riesigen schleimigen Teppichen überziehen sie den Boden und färben ihn mal braun, mal grünlich.

Noch mehr Leben pulsiert eine Etage tiefer. Mit wenigen Spatenstichen befördert Anne Segebade Ringelwürmer, Schlickkrebse, Herz- und Sandklaffmuscheln hervor. Die wiederum sind Nahrung für zehn bis zwölf Millionen Küstenvögel, die das Watt als Rastplatz zwischen ihren südlichen Überwinterungsgebieten und ihren Brutstätten im Norden besuchen. Kein Zweifel: Die Wüste lebt.

„Seit über zehn Jahren leite ich Wattwanderungen, und fast jedes Mal entdecke ich etwas Neues“, erzählt Segebade. Neulich habe sie beispielsweise eine flache Stelle in einem Priel gefunden, an der man die Wasserrinne bequem durchwaten kann. Letztes Jahr noch war es dort zu tief. Auch das mache das Watt so spannend: Es verändert sich ständig. Sie gerät ins Schwärmen über den Lebensraum, der den Menschen höchstens als Gast duldet. Und das auch nur, wenn er sich auskennt: Sie erzählt von der Macht des Wassers, das nie so aufläuft, wie der Laie es vermutet. Und von dichtestem Nebel, den der Wind oft innerhalb von Sekunden heranweht, und der eine Orientierung ohne Kompass unmöglich macht.

„Diese Dynamik der Natur bietet viel Raum für Fantasie“, sagt die aus Bremen stammende Biologin. Vielleicht sei das der Grund, warum hier an der Küste allerlei geheimnisvolle Sagen und Legenden kursieren. Natürlich möchte ich gleich eine hören, doch sie sagt: „Solche Geschichten lässt man sich am besten von einem waschechten Friesen erzählen.“

Hans-Gerhard Rohde ist so einer: Jahrgang 1946, Küstenfischer in vierter Generation. Ich habe Glück: Sein Schiff, die Ostpreußen, liegt im Husumer Hafen. Erst gestern Abend sei er mit der Flut eingelaufen, nach drei Tagen auf See. Seinen Arbeitsplatz zeigt er mir gern. „Willkommen an Bord!“, grüßt der stattliche Mann, dessen Händedruck mich fast in die Knie zwingt. Es riecht nach Öl, doch Seekarten und Hängematten suche ich vergeblich. Die Ostpreußen ist mit modernsten Navigationsinstrumenten ausgestattet, die Kajüte verfügt über Heizung, Bett und Fernseher. „Die Zeiten, in denen wir in engen Kojen auf Seegras-Matratzen geschlafen haben, sind vorbei“, sagt Rohde.

Der Fischer lebt von der Nordseegarnele, an der Küste nur Krabbe genannt. Er und sein Geselle fangen die Tiere mit großen Netzen, die sie seitlich des Kutters über den Grund schleppen. „Direkt nach dem Fang kochen wir die Krabben an Bord in Seewasser“, erzählt Rohde und zeigt mir einen imposanten Stahlkessel im Bug des Schiffes. Ich male mir aus, wie er bei schwerer See vor dem dampfenden Kessel steht, während die Gischt über die Reling spritzt – ein Job, für den man geboren sein muss.

„Mehr als ein Job“, sagt Rohde. „Fischer zu sein, bedeutet eine Gratwanderung zwischen Idealismus und Idiotismus. Man muss einfach ein Idiot sein, wenn man am Sonntag für drei Tage und Nächte aus dem Hafen fährt, die Leute am Strand in der Sonne liegen sieht und trotzdem nicht mit ihnen tauschen möchte.“ Bis zu 110 Stunden pro Woche verbringt er auf See, und das seit seinem 19. Lebensjahr, aber sein Enthusiasmus sei ungebrochen, versichert er lächelnd.

Doch wie war das mit den Legenden? „Da gibt es zum Beispiel die Rungholt-Sage. Die hört man am besten bei einem Aquavit.“ Rohde läd mich in sein Haus ein, das nur wenige hundert Meter vom Hafen entfernt in einer Fischersiedlung liegt. Auch seine Frau Inge strahlt diese innere Zufriedenheit aus, die mich schon bei ihm sofort beeindruckt hat. „Jetzt gibt es erstmal fangfrische Krabben“, sagt sie und stellt eine Schüssel auf den Tisch, deren Inhalt in einem Restaurant ein kleines Vermögen kosten würde. Dazu der versprochene Aquavit.

„Rungholt war ein mittelalterliches Küstenstädtchen, von dem man nicht genau weiß, wo es gelegen hat“, beginnt Rohde. Die Bürger seien ungeheuer reich gewesen, doch das Gold vergiftete ihren Charakter. Eines Nachts erlaubten sich einige Männer im Suff einen üblen Spaß mit dem Pfarrer. Sie ließen ihn wecken mit der Begründung, ein Sterbender verlange nach der letzten Ölung. Der Pfarrer eilte herbei, fand statt des Sterbenden jedoch nur ein Schwein vor, dem die Männer Alkohol eingeflößt und es in ein Bett gelegt hatten. Unter dem Hohngelächter der Betrunkenen beschwor er Gott, Strafgericht zu halten. Noch in derselben Nacht versank Rungholt in einer Sturmflut. Nur der Pfarrer entkam – nebst Haushälterin und zwei Jungfrauen. „Die Sturmflut 1362 gab es wirklich, das ist gesichert“, sagt Inge Rohde. Und, wer weiß, vielleicht stimmt ja auch das schaurig-schöne Ende der Sage: Es heißt, dass man noch Jahre später die durch den Gezeitenstrom bewegten Kirchturmglocken in der Tiefe des Meeres läuten hören konnte…

Es dämmert bereits. „Ja, die Nordsee ist keine Badewanne“, sagt Rhode. Selbst einem alten Hasen wie ihm spielt das Meer noch Streiche: Es kommt vor, dass er im flachen Wattenmeer auf Grund läuft. Besonders ärgerlich sei es, wenn das kurz nach Hochwasser passiere. „Dann muss man bis zum nächsten Hochwasser warten, um wieder los zu kommen.“ Zwölf Stunden dauert das. „Aber es gibt Schlimmeres“, sagt er dann ernst und erzählt von Kollegen, die „draußen geblieben sind“. Am 17. Juni 1982 zum Beispiel, dieses Datum kennen die Rohdes genau. Im so genannten Kolumbusloch nordwestlich von St. Peter-Ording verfing sich das Steuerbord-Krabbennetz der Kollegen an einem großen Felsblock. Ihr Kutter wurde in wenigen Minuten in die Tiefe gezogen. Drei Männer ertranken. Ob auch er schon einmal am Grund hängen geblieben ist? „Ja, kommt vor“, antwortet Rhode knapp und nickt dabei kaum merklich in die Richtung seiner Frau. Das sei aber nicht so schlimm gewesen.

Während ich den Rohdes zuhöre, wird mir klar: Die Naturgewalten diktieren jedes Leben am Watt. Von der kleinsten Schnecke bis zum Krabbenfischer – Ebbe und Flut sind der alles bestimmende Rhyt